Uilleann Piping in Irland
Der Ausgangspunkt für mein Forschungsthema im Rahmen der Forschungsklasse Welterbe sind die Uilleann Pipes, ein Musikinstrument, welches nicht nur sehr stark mit Irlands Geschichte und Identität verbunden ist, sondern auch als musikalisches Nationalsymbol gilt. Bei meiner Beschäftigung mit dem Instrument stieß ich schnell auf die enge Verbindung zur Traveller-Community, einer irischen Minderheit mit eigener Sprache, Kultur und Lebensweise, die zugleich bis heute von gesellschaftlicher Ausgrenzung betroffen ist.
Traveller wurden über Generationen hinweg als die „Anderen“ im Inneren Irlands und als gleichzeitig Teil und nicht Teil der nationalen Identität konstruiert.1 Zusätzlich entwickelte sich ein folkloristisch und kolonial konnotierter Diskurs, in dem Traveller als „restaurative Erinnerung“2 an ein vormodernes Irland inszeniert wurden. Die vom britischen Kolonialregime geförderte anti-irische Stimmung sorgte dafür, dass die Traveller als Träger eben dieser vermeintlich negativen und rückwärtsgewandten „irischen“ Eigenschaften abgegrenzt wurden, weil man sich als Mehrheitsgesellschaft von diesen Zuschreibungen lossagen wollte.3
Gerade an Traveller-Musiker*innen wird diese ambivalente Wahrnehmung deutlich. Ihre musikalischen Beiträge gelten einerseits als förderlich und positiv für die irische Identität, andererseits werden sie dabei von ihrer sozialen Herkunft gelöst. Genau dieser Zweispalt zwischen musikalische Anerkennung, aber soziale Ausgrenzung steht in engem Zusammenhang mit Fragen über die Wahrnehmung und Repräsentation ihrer Beiträge in der irischen Musikkultur.
Die irischen Traveller haben maßgeblich zur Weitergabe und zum Erhalt der Uilleann Pipes beigetragen. Sie wurden besonders historisch mit einem nomadischen Lebensstil in Verbindung gebracht, welcher einen großen Einfluss auf die Entwicklung eines sogenannten eigenen „Traveller-Stils“ hatte. Musik war und ist für sie ein wichtiger Teil kultureller Praxis, als Familienerbe, Erwerbsmöglichkeit und Ausdruck von Identität. Gleichzeitig wurde ihre Rolle sowohl in der irischen Musikkultur als auch unabhängig davon lange Zeit diskriminiert und/oder romantisiert. Auch die UNESCO-Anerkennung des Uilleann Piping als immaterielles Kulturerbe im Jahr 2017 änderte daran wenig. Zwar erhöhte sie die internationale Sichtbarkeit des Instruments, doch grundsätzliche blieb ihr Einfluss symbolisch.
Die für meine Forschung zentrale Frage lautete daher, wie Traveller Musiker*innen die Tradition des Uilleann Piping geprägt haben und inwiefern ihre soziale Herkunft die Sichtbarkeit und Anerkennung ihres Beitrags in der irischen Musikszene beeinflusst haben? Genau diesen Fragen bin ich während meines Forschungsaufenthaltes in Dublin und Cork nachgegangen.
- Vgl. Ó hAodha, Micheal: „Ortha an Ghreama as a Lesser-known Irish Traveller Narrative: Sym-bolic Inversion and Resistance.” In: Studi Irlandes: A Journal of Irish Studie, Vol. 10, S.167-192. Firenze University Press 2020, S.2.
- Ó hAodha, Mícheál : Insubordinate Irish: Travellers in the Text. Manchester/New York: Man-chester University Press 2011, S. 42/52.
- Vgl. Ó hAodha 2011, S. 42/52; Moylan, Aisling : An Examination of the Representation of Irish Travellers in the British and Irish Media while Engaging with Broader Government Policies Affecting Them as an Ethnic Minority. Dublin: IADT 2024, S.7.
