Koloniales Erbe der Hamburger Speicherstadt
Das Hamburger Weltkulturerbe ist vor allem eins: imposant. Speicherstadt, Kontorhausdistrikt und Chilehaus stehen als Ensemble gemeinsam und sind Sinnbild phänomenaler Architektur der expressionistischen Moderne. Es ist schwer bei einem Spaziergang zwischen den riesigen Blöcken der ehemaligen Speicher oder den sensationell inszenierten Kontorhäusern nicht beeindruckt zu sein. Der Blick auf das Ensemble erzählt bereits Geschichten von Größe, von Architektur, Technik und Ästhetik, von Sensation, Reichtum und Macht.
Was im Welterbe mit bloßem Auge jedoch nicht zu lesen ist, sind die Geschichten ihrer kolonialen Ursprünge, ihrer globalen Verflechtungen, von der Lagerung und dem Vertrieb von Kolonialwaren, von der Ausbeutung im Ausland, die ihren Reichtum entscheidend begründet hat. Kaffee, Kakao, Kautschuk – ohne ihre Nachfrage um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wäre der Ort nicht der, der er heute ist. Und ohne ausbeuterische, koloniale Systeme, die Verkauf und Vertrieb dieser Waren erst ermöglichten, hätte es den Ort nie gegeben. Zumindest nicht in dieser Form. Und dennoch bleiben diese Geschichten unsichtbar. Oder wenigstens schwerer zu finden.
Und genau hier setzt mein Projekt an. Ich prüfe, wie das koloniale Erbe in der Vermittlung des Welterbes thematisiert wird, welche Narrative dominieren und inwiefern eine dekoloniale Erinnerungsperspektive bereits Eingang in die städtische Geschichtskultur gefunden hat.
2024 hat Hamburg ihr koloniales Erinnerungskonzept veröffentlicht, es gab und gibt Ausstellungen zu dem Thema und wenn man genauer hinsieht und nachfragt, fügen sich die Puzzleteile mit der Zeit zusammen. Das Thema ist also relevanter denn je und das „Tor zur Welt“ für Deutschland scheint zumindest Handlungswillen zu zeigen. Doch es zeigen sich auch immer wieder Herausforderungen, etwa das Spannungsfeld zwischen ästhetischer Erzählung und historischen Tiefenschichten.
Die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe der Speicherstadt ist für mich kein rein historisches Anliegen, sondern berührt grundlegende Fragen der Erinnerungskultur, der gesellschaftlichen Verantwortung und der Sichtbarkeit marginalisierter Perspektiven im öffentlichen Raum.
Indem ich mich dem Welterbe nicht nur als architektonischem Denkmal, sondern als Erinnerungsort mit globalen Bezügen nähere, möchte ich einen Beitrag dazu leisten, koloniale Verflechtungen sichtbarer zu machen. Dabei geht es mir nicht um eine nachträgliche Korrektur, sondern vielmehr um eine notwendige Erweiterung hin zu einem pluralistischen und multiperspektivischen Narrativ.
